VORWORT

Was unterscheidet den Computerphilologen vom ›traditionellen‹ Philologen? Neben der klassischen Kompetenz in seinem Fach braucht er (oder sie) Fähigkeiten und Qualifikationen, die ihm (ihr) meist nicht in die literaturwissenschaftliche Wiege gelegt worden sind. Oft werden die Doppelkompetenzen auf verschiedene Personen in einem Team verteilt. Andererseits sind Computerphilologen nicht selten auf dem Gebiet der Computerarbeit Autodidakten. Die genuin philologischen Anforderungen sind häufig von reinen Informatikern oder Informationswissenschaftlern nur schwer zu erfüllen – und umgekehrt. Ein Forum wie das Jahrbuch für Computerphilologie kann hier eine Schnittstelle anbieten, aber die grundlegenden Kenntnisse müssen mehr und mehr auch in die Lehrangebote und Studiengänge eingehen, zumindest auf der Fortgeschrittenen-Ebene. Vielerorts geht es zunächst einmal darum, CD-ROM-Produktionen, wie sie – besser oder schlechter gemacht – von Verlagen angeboten werden, in die akademische Lehre zu integrieren. Und schon das ist bei mangelhafter oder bereits rein quantitativ unzureichender Infrastruktur nicht leicht zu erreichen. Wie viel schwieriger wird es werden, auch in der Ausbildung die Gruppe der (elaborierten) Konsumenten zu verlassen und auf die Seite der Produzenten zu wechseln. Wie viel schwerer wird es sein, genuin computerphilologische Methoden und Problemstellungen unmittelbar in die Qualifikationsprofile der Absolventen zu integrieren. Viele bunte Bilder und die Internetrecherche ohne Nachdenken: Das kann jedoch nicht die Perspektive sein, denn es wäre eine Form der ›Entphilologisierung‹, wie sie – vorsichtig gesagt – nicht sinnvoll erscheint. Doch im Moment gibt es für Nachwuchs mit Doppelkompetenz praktisch nur befristete Projektstellen, unsichere Positionen ohne die Möglichkeit, eine Langfristperspektive aufzubauen. Aber gerade hier finden sich klassische Daueraufgaben, die im Kontext von Instituten und auch von reinen Forschungseinrichtungen durch qualifizierte Kollegen wahrgenommen werden müssen.

Die Szene ist nicht übersichtlicher geworden, seit das Jahrbuch für Computerphilologie zum ersten Mal erschienen ist. Der hier vorgelegte zweite Band spiegelt diese Situation durchaus wider. Der erste hatte einerseits grundlegende und allgemein orientierende Beiträge gebracht, die das Feld allererst vermessen sollten. Daneben gab es auch betont praxisbezogene Studien wie etwa eine Orientierung über XML. Diese Linie wird hier fortgesetzt. Die Breite des Spektrums soll erhalten bleiben. Auch im aktuellen Band finden sich Beiträge, die auf unerwartete Weise Neuland betreten – wie die Studie über Literaturwissenschaften und Computerspiele von Randi Gunzenhäuser. Aber es werden auch sehr ›philologische‹ Computerprojekte vorgestellt wie das Projekt zum Grimmschen Wörterbuch in Trier. Hier und etwa auch in den Beiträgen von Ulrike Landfester und Andrea Rapp wird deutlich, wie sich genuin philologische, hier editionsphilologische Überlegungen und Problemstellungen im Kontext computerbasierten Arbeitens entwickeln. Dabei wird erkennbar, daß sich Teilbereiche der Literaturwissenschaft wie die Editionstheorie und -praxis völlig verändern, denn es geht keineswegs mehr um den simplen (oder auch weniger simplen) Transfer vorhandener Daten und Konzepte in ein anderes Speichermedium. Vielmehr müssen die entsprechenden Vorhaben und Publikationen bereits im Vorfeld grundlegend anders konzipiert werden als unter den Vorzeichen traditioneller Publikationsmodi.

Fotis Jannidis hatte im ersten Band den für manches Ohr vielleicht altmodisch klingenden Terminus ›Computerphilologie‹ erläutert: Als Analogiebildung zu ›Computerlinguistik‹ kann er die digitale Evolution der Philologie markieren, ohne ins Uferlose der currenten Medienphilosophien abzudriften. Es geht den Herausgebern also nicht darum, den vielen Zeitgeist-Äußerungen ein weiteres Forum zu bieten. Vielmehr handelt das Jahrbuch von Philologie. Es ist die Sache der Literaturwissenschaft, die hier abgehandelt wird. Damit ist das Jahrbuch ein Medium der Kontinuität: der Kontinuität zwischen klassischen Aufgaben der Literaturwissenschaften einerseits und neuen Medien, Kommmunikations- und Arbeitsformen andererseits. Daß hierzu auch die Reflexion über die Veränderungen von Textmodellen, von Literaturtheorie und von Medientheorie gehört, versteht sich von selbst.

Das Spektrum der selbstgestellten Aufgaben des Jahrbuchs reicht von Handreichungen, Ratschlägen und Orientierungshilfen auf der einen bis hin zu theoretisch avancierten Ansätzen und Thesen auf der anderen Seite – allerdings immer von der philologischen Tradition des Faches her gesehen, das einer rapiden Entphilologisierung unterworfen zu sein scheint. Ein Widerspruch? Doch was heißt ›Entphilologisierung‹? Nach den sozialgeschichtlichen oder auch psychoanalytischen Prägungen der Literaturwissenschaften in den sechziger und siebziger Jahren und der neostrukturalistischen Theoriebildung der achtziger und frühen neunziger Jahre treten kulturwissenschaftliche Ansätze, auch im Sinne des New Historicism, immer stärker ins Blickfeld. Ob – auf einer sehr abstrakten Ebene – die Vernetzungsstrategien dieser Theoriekonzepte mit konkreter Arbeit in Hypertextprojekten und -editionen konvergieren, muß sich in der Praxis wie in der sie begleitenden Reflexion erweisen. ›Entphilologisierung‹ kann aber nicht den Verzicht auf professionelles und methodisch verantwortbares Arbeiten mit Texten bedeuten. Gerade bei kulturwissenschaftlichen Vernetzungen sind methodologische Kontrolle und die Vermeidung von fröhlichem Dilettantismus essentiell.

Eine Aufgabe für die Zukunft wird es sein, noch mehr Übersicht zu schaffen, Diskussionen zu bündeln und einen einmal erreichten Diskussionsstand zu behaupten. Nicht in jedem Band des Jahrbuchs wird man dieses oder jenes Rad noch einmal erfinden. Nicht in jeder Studie kann man voraussetzungslos von neuem beginnen. Die Projektvorstellungen werden weiterhin eine wichtige Komponente sein, denn sie eignen sich besonders zur exemplarischen Erörterung von Praxisproblemen. Zugleich dienen sie der Vernetzung der Computerphilologen untereinander.

Bisher sind kaum Konzepte zur Umsetzung von Philologie-orientierten Computertechniken in der Hochschullehre bekannt. Doch gerade die Vermittlung der entsprechenden Arbeitsweisen an die Studierenden des Faches wird die Standards neuer Projekte und Forschungen mitbestimmen, denn sie sind die künftigen Entwickler. Vielleicht kann das Jahrbuch hier ein neues Feld des Austausches eröffnen.

Ab diesem Band (und nun auch rückwirkend für Band 1) erscheint das Jahrbuch für Computerphilologie als Hybrid-Ausgabe. Alle Artikel der gedruckten Fassung des Jahrbuchs sind zugleich auch online zugänglich, und zwar auch nach Erscheinen der Druckversion. Das ist nicht zuletzt der Flexibilität und Aufgeschlossenheit des Verlegers Dr. Michael Kienecker zu danken.

Die Computerphilologie wurde, folgt man den Zahlen der Besuche auf der Webpage und beachtet man die Links, die von den verschiedensten Internetprojekten dorthin führen, von der Gemeinde angenommen. Auch von den Autoren, was schon der nicht unerheblich gestiegene Umfang des zweiten Jahrgangs belegt – wobei längst nicht alles aufgenommen werden konnte.

Besonderer Dank gilt Uta Klein, die mit geradezu atemberaubender Effektivität die Redaktion des Bandes geleistet hat, und Dr. Gabriela Wabnitz, die bei der Texterfassung und -einrichtung großes Engagement gezeigt hat.

Georg Braungart/Karl Eib/Fotis Jannidis